ARBEIT

"So wünschenswert mehr Freizeit für viele sein mag, Arbeitswille, Leistungsbereitschaft und Durchhaltevermögen müssen die anerkannten Ziele unserer Gesellschaft bleiben." (Lambsdorff) Und was ist, wenn einer das nicht anerkennen mag? Gar nichts! Von der großspurigen Anerkennung der Werte und Ziele hängt nämlich wenig ab. Wenn einer allerdings meint, er könne arbeiten, um was vom Leben zu haben; wenn er Arbeit als Mittel zum Zweck einsetzen will, für den Zweck, ein angenehmeres Leben zu führen, das er aus den Früchten gemeinsamer Arbeit mit anderen bestreitet, so findet er wenig Gelegenheit dafür. Die "Arbeitswelt", die er vorfindet, sieht weder vor, dass er die Arbeit für sich möglichst interessant, bequem und kurz gestaltet, noch sichert sie ihm ein flottes Leben. Deshalb stellt sich in "unserer Gesellschaft" für eine große Mehrheit die Frage nach dem Wert der viel beschworenen Werte "Arbeitswille", "Leistungsbereitschaft", "Durchhaltevermögen" gar nicht erst. Weil darüber nämlich, was zu leisten ist, längst praktisch entschieden ist: Die "lohnabhängige" Mehrheit muss arbeiten und in den ihr vorgelegten "Möglichkeiten" ein Leben lang durchhalten, egal ob sie darin die Verwirklichung höherer Lebensziele erblickt oder nicht. Dieses "muss" kommt durch das Geld zustande, für das ein Lohn-"Empfänger" zu arbeiten hat, weil er ohne es nicht leben kann. Die Geldsumme, die seinen Verdienst ausmacht, hat zwei unübersehbar gegensätzliche Seiten: Bezahlt wird sie von einem Unternehmen für die Arbeitszeit, die jemand in seinem Betrieb ableistet. Und das ist nicht einfach die Zeit, die aufgebracht werden muss, um all die nützlichen Dinge herzustellen, die man fürs Leben, für ein erträgliches zumal, so braucht. Was, wie viel und wie produziert wird, geht das schaffende Volk, das sich täglich in der Fabrik einfinden darf, ja gar nichts an. Das alles regelt der Eigentümer des Betriebs, der Waren für einen gewinnbringenden Verkauf produziert. Der "Arbeitgeber" misst den Reichtum nicht in Gebrauchsgütern, die zur Verfügung stehen, sondern in dem Überschuss seiner Bilanz, also in der Vermehrung seines Vermögens. Alles, was er zu diesem Zweck an Geld aufwendet, sind Kosten, die sich lohnen, also zu einem möglichst geringen Preis einen möglichst großen Arbeitsertrag garantieren sollen. Diesen Ertrag verkauft er möglichst teuer, zu einem Preis, den "der Markt", sprich: seine Konkurrenten, erlaubt. Die bemühen sich nämlich wie er, durch die Senkung der Produktionskosten mehr von ihren Waren zu einem geringeren Preis und dennoch mit größerem Gewinn auf dem Markt loszuschlagen. Für dieses Geschäft stellen Unternehmer Arbeiter an, und nur für sein Gelingen zahlen sie den Beschäftigten Lohn. Ausgegeben wird dieselbe Summe vom Lohn-"Empfänger", um sich und seine Familie zu unterhalten - und das bringt ganz andere Notwendigkeiten mit sich. Der Lohn muss ausreichen, um davon alles zu finanzieren, was ein Mensch so zum Leben braucht und sich von den Mitteln verschaffen will, die "der Markt" bereithält. Diese Notwendigkeiten bestimmen aber gar nicht über die Höhe seines Einkommens. Umgekehrt; sie müssen nach der Höhe des verdienten Lohns gerichtet werden. Und da heißt es bekanntlich sich einteilen, das Notwendige vom Wünschenswerten unterscheiden und bei ersterem auch schon darauf achten, was man sich "bei den steigenden Preisen" (nicht) leisten kann. Dass beides nie zusammenstimmt; dass immerzu die Geschäftsberechnungen der Firma die Lebensnotwendigkeiten des Lohnarbeiters beschränken, das liegt in der "Natur" der Sache: Arbeitszeit wird bezahlt, und zwar im Interesse des Profits, also möglichst billig; das Arbeiterfamilienleben muss damit zurechtkommen, weil der Arbeiter nichts außer seiner Arbeitskraft zu verkaufen hat, alle Mittel ihrer Anwendung aber das Eigentum des Unternehmens sind, dem er sich zur Verfügung stellen muss. Kein Wunder, dass der Lohn für seinen "Empfänger" den Zwang erneuert, stets von neuem an "seinem" Arbeitsplatz anzutreten. Insofern rennen Prediger der Arbeitsmoral wie Graf Lambsdorff mit seiner Hochschätzung von Werten wie "Arbeitswille", "Leistungsbereitschaft" und "Durchhaltevermögen" offene Türen ein. Schließlich regieren sie einen Kapitalismus. Sein Geld zum Leben verdient der Arbeiter erst einmal stundenweise. Er tauscht Arbeit in bestimmter Zeit gegen einen Preis, der für diese Zeit gezahlt wird. Das ist alles andere als ein Handel mit festgelegten Leistungen von beiden Seiten, sondern ein einseitiges Geschäft: Festgelegt ist dabei der Preis für eine Arbeitsstunde, den Unternehmer und Gewerkschaften für verschiedene Lohngruppen aushandeln. Nach der anderen Seite hin aber ist alles offen. Der Betrieb hat ja nicht ein bestimmtes Quantum Arbeit eingekauft, sondern die stundenweise Verfügung über den Arbeiter selbst. Für ein paar Euro pro Stunde verkauft der Arbeiter und erkauft der Betrieb sich die Freiheit, über den Einsatz der Kräfte und Fähigkeiten zu bestimmen. Dafür mobilisiert er alle technischen Errungenschaften. Er füllt jede Arbeitsstunde, -minute und -sekunde möglichst effektiv mit Arbeit aus; richtet die Produktionsmittel entsprechend ein, damit kein unnötiger Leerlauf entsteht; vereinfacht die Arbeit, um sie zu beschleunigen; macht sie durch bessere Maschinen produktiver, um mit demselben Kraftaufwand der lebenden Arbeitsmaschinen mehr Waren zu produzieren; sorgt mit einem Heer von Aufsehern dafür, dass sein lebendes Betriebsinventar sich auch entsprechend verausgabt. So selbstverständlich die rechtmäßigen Benützer ("Arbeitgeber") der Arbeit beim Stundenlohn jede Veränderung zugunsten des Verkäufers bekämpfen und für unmöglich erklären, so beständig verändern sie den Arbeitsinhalt dieser Stunde zu ihren Gunsten und senken dadurch den Lohn im Verhältnis zur Leistung und zu ihrem Ertrag. Das ergibt dann jenes Ding, das von aller Welt als das höchste Gut und eine einzige Gelegenheit für den Arbeiter gehandelt wird: einen Arbeitsplatz. Für diejenigen, die ihn "besitzen" und auf ihm wirklich ihre "Arbeit geben", ist angesichts dieser unternehmerischen Freiheit nur eines sicher. Auf ein bestimmtes, dauerndes Verhältnis von Lohn und Leistung können sie nicht rechnen: Sie müssen in jedem Augenblick den Anforderungen, die "der Arbeitsplatz" an sie stellt, genügen, also auch seine beständige Veränderung bewältigen. Wer sich für diese Arbeit brauchbar erweist, bekommt dann seine Arbeitsstunden bezahlt. In den modernen Fabriken sind deshalb auch die Illusionen über den Akkordlohn verschwunden, die diese Form der Bezahlung einmal begleitet haben. Wo mit Hilfe der raffiniertesten Produktionsmittel die Teilung der Arbeit ebenso festgelegt ist wie die einfachen Verrichtungen, welche der einzelne Arbeitsplatz diktiert, bleibt kein Raum mehr für die Einbildung, irgendwie hänge der Verdienst von der besonderen Qualifikation ab, die man mitbringen und einsetzen würde. Die Berechnung des Lohnes nach der Anzahl der erledigten Stücke gerät zur bloßen Formsache, zumal nicht nur die beschränkte Teilarbeit, sondern auch das Arbeitstempo weitgehend feststehen. In der Einrichtung dieses "technischen Sachzwangs" kriegen die lebendigen Anhängsel der Maschinerie die Kalkulation des Betriebs zu spüren, der die Bezahlung des jeweiligen Stundenlohns auf die Leistung des Arbeiters bezieht, ohne dass dem ein Spielraum eingeräumt wird, aufgrund seiner speziellen Kraft oder Fähigkeit einen Einfluss auf seine Lohnhöhe zu nehmen. Selbst die Einrichtung der Arbeit ist angesichts so sinnreicher Erfindungen wie Band-Akkord nicht möglich, geschweige denn die Überbietung der festgelegten Norm. Diese mag im Verhältnis zum Tariflohn als 11% oder 13% definiert sein; dem einzelnen Arbeiter ermöglicht sie nur eine Alternative. Entweder bewährt er sich in ihrer Erfüllung, so dass die Kooperation mit seinem Nachfolger, der auf das Werkstück angewiesen ist, gelingt; oder der Arbeitsplatz ist nichts für ihn. Seine Leistung wird eben nicht nur bewertet, sondern auch vorgeschrieben. Diese Folge der "Technik" beglückt die Lohnabhängigen mit der Erfahrung, dass zu jedem Arbeitsplatz eine von den Anwendern ihrer Arbeitskraft bestimmte Durchschnittsleistung gehört, deren Erhöhung mit der Vereinseitigung der Tätigkeit als selbstverständlich gilt - und in "arbeitswissenschaftlich" ausgetüftelten Bewertungen einer um so niedrigeren Lohngruppe zugeschlagen wird, je weniger "Teilbelastungen" gefordert werden. Als wäre der ausgemachte Verschleiß an einseitigen Teilarbeiten eine Erleichterung seiner Tätigkeit, wird dem modernen Proleten eine "gerechte Bezahlung" zuteil, die ihm den Lohn senkt, "weil" er diese oder jene Fähigkeit seinem "Arbeitgeber" gar nicht zur Verfügung stelle! Als Opfer einer exakten Anpassung der Produktion an die Geschäftsbedürfnisse wird ihm auch noch die Ideologie der bezahlten Leistung handgreiflich als Lohnabzug serviert. Der Zweck des Arbeiters, von seinem Lohn zu leben, kommt in dieser Organisation der Lohnarbeit - möglichst wenig Geld für möglichst viel Leistung - gar nicht vor. Entschieden ist über diesen Zweck damit aber schon. Und zwar negativ. Das Reich der Freiheit, "das Leben", das vor den Fabriktoren anfängt und in das sich der Betrieb nicht einmischt, ist zu finanzieren aus dem Lohn für die Stunden, die der Betrieb den Arbeiter anwendet. Ein für die Sicherstellung des Lebensunterhaltes gar nicht erfreulicher Umstand! Denn die Anzahl der Stunden, in denen sich ein Lohnabhängiger das erforderliche Geld zusammenverdienen darf und muss, ist eine Frage ihrer Rentabilität. Nur diejenigen mit arbeitsplatzgerechter Leistung ausgefüllten Stunden verhelfen ihm zu Lohn, die sich für den Betrieb lohnen. So ist es gar kein Zufall, wenn sehr unabhängig von den Bedürfnissen der Arbeiter nach Zeit und Geld beides den Geschäftsbedürfnissen der "Arbeitgeber" unterworfen wird: Arbeitszeit und Verdienst. Wie lange sich die "Beschäftigung" lohnt, das zu entscheiden fällt rechtmäßigerweise dem zu, für den es sich lohnen muss. Und dessen Interesse geht auf die konjunkturgerechte Dauerauslastung seiner Produktionsanlagen, weil das die Kosten für Fabrik und Maschinerie senkt. Solange die stille stehen, bedeutet das Verlust. Also wird die Arbeit entsprechend ein- und aufgeteilt, dass die Maschinen laufen. Dabei gilt der Grundsatz: Dem Betrieb hat Arbeitskraft frei zur Verfügung zu stehen, wann immer und solange er sie braucht. Die Anwendung dieses Grundsatzes hat dem freien Unternehmertum einige Reaktionen beschert. Seine Rücksichtslosigkeit gegenüber den physischen Schranken der Arbeitskraft ist mit dem Kampf um einen Arbeitstag beantwortet worden, dessen Maß ein paar weitere Arbeitstage erträglich macht. Seitdem müssen Unternehmer mit der gesetzlichen Festlegung von ein paar Arbeitsschutzbestimmungen und einem Normalarbeitstag rechnen. Dieser Normalarbeitstag modifiziert zwar die Kalkulation mit dem Lohnabhängigen. Keineswegs aber legt er die Gestaltung des Arbeitstags fest, sondern regelt, wann und wie er unter- und überschritten werden darf. Überstunden kosten Zuschläge, die der Betrieb trotz der Jammerei über den immer zu hohen Lohn offensichtlich problemlos zahlen kann und auch zahlt. Denn immerhin erspart ihm dies ein kostenträchtiges Hin und Her von Neueinstellungen und Entlassungen, wenn möglichst viele Arbeitsstunden von möglichst wenig Leuten geleistet werden. Der Verschleiß der Arbeiter ist dabei ebenso wenig ein Problem wie bei der Einführung von Schichtarbeit. Die Gewinnkalkulation erfordert eben eine Dauerbenutzung der Maschinerie, also auch die Aufteilung der Belegschaft in Wechsel-, Früh- oder Spätschichten bis zu 10/12 Stunden. Der Normalarbeitstag leidet darunter überhaupt nicht, sondern bildet hier die legale Grundlage. Mit ein paar Euro ist diese lohnende Freiheit billig erkauft. Nach dem Schichtplan geht unerbittlich eine Arbeit vonstatten, bei der eine normale Wiederherstellung der Arbeitskraft gar nicht mehr vorgesehen ist und die im übrigen meist länger gemacht wird als der Schichtarbeiter plant - solange nämlich, bis er sie nicht mehr schafft und auf diese großartige Gelegenheit eines Mehrverdienstes verzichten muss. Umgekehrt sind Kapitalisten, wenn es ihren Arbeitsprozess oder in die Betriebskonjunktur passt, gar nicht kleinlich, ihrer Belegschaft Kurzarbeit für einen geringeren Lohn zu verordnen. Manchen bescheren sie eine kürzere und intensivere Teilzeitarbeit für einen geteilten Lohn. Wie im einen Falle auf den gesundheitlichen Ruin und die notwendige Zeit zur Erholung keine Rücksicht genommen wird, so hier keine auf einen notwendigen Lebensunterhalt. Für den Betrieb taugt der Teilzeitarbeiter als vollwertige Arbeitskraft, für den Menschen taugt der Lohn bestenfalls als Aufbesserung des Familieneinkommens, das bei einem Verdiener offenbar zu knapp ausfällt. Mit der Planung der Produktion entscheidet das Unternehmen also über die Finanzmittel in der Hand des Arbeiters und auch noch über seinen ganzen Tagesablauf. In beiden Fällen wieder gegen ihn. Die Länge der Arbeitszeit bestimmt nämlich, was an Freizeit bleibt. Körper und Geist, Familie und Geselligkeit, all das fordert zwar seine Zeit, gibt aber gar nicht das Maß für die freie Zeit ab. Wenn nicht gearbeitet wird, dann darf der Mensch und dann muss er alles erledigen, was vom Leben noch geht. Und die Länge und Intensität der Arbeitszeit sorgt dafür, dass ihm die Zeit nicht lang wird. Da . Da geht schon einiges an Minuten und Stunden für zeitraubende Begleitumstände wie Arbeitsweg, Pausen usw., verloren, die zwar zur Arbeit gehören, aber nicht zu ihr gezählt und bezahlt werden. Denn wenn schon der Betrieb nur die unmittelbare produktive Tätigkeit ohne alles Drum und Dran als Arbeit definiert, steht dieses Recht dem Arbeiter für die Sphäre seiner Bedürfnisse und Genüsse nicht zu. Die sind umgekehrt je nach dem Grad seines Verschleißes durch die Arbeit darauf konzentriert, sich arbeitsfähig zu erhalten - bekanntlich gar keine so leichte Angelegenheit. Und dennoch stellt sich bei allen Belastungen, die mit den Varianten des modernen "8-Stunden-Tages" verbunden sind, ein unübersehbares Interesse an ihnen ein. Sogar der Schichtarbeit, bei der es mit dem normalen "Leben" ganz vorbei ist und der gesundheitliche Ruin überdurchschnittlich flott vonstatten geht, gewinnen Lohnabhängige gewisse "Vorteile" ab. Eine offenkundige Folge der Tatsache, dass der Normallohn eines Normalarbeitstages für ein gemütliches Zurechtkommen und ein brauchbares Einkommen nicht taugt. Wie der Normalarbeitstag ist auch die 40-Stunden-Woche, freies Wochenende eingeschlossen, eine rein rechnerische Größe. Nicht nur, dass sich da zwischen 20 und 60 Stunden Arbeit regel- und unregelmäßig zusammenrechnen. Auch die Aufteilung der Woche in fünf ungeliebte Arbeitstage und ein erholsames Wochenende ist keineswegs sicher. Zwar ist mit dieser Scheidung im Gang der Woche anerkannt, dass die tägliche Arbeitszeit auf Dauer zu lang und ermüdend ist und im täglichen Trott keine rechte Zeit für die Wiederherstellung von Wille und Kraft zum Arbeiten sowie für die familiären Pflichten und Freuden bleibt, die einem zivilisierten Arbeitstier so auferlegt und zugestanden sind. Aber diese Anerkennung ist doch nur bedingt und verdankt sich dem Interesse an seiner Einsatzfähigkeit für seine höhere Bestimmung, die Arbeit. An der Sorge um die Einsatzfähigkeit darf der Einsatz nicht scheitern. Für den Arbeiter mag es ärgerlich und ermüdend genug sein, dass sich den größten Teil der Woche freie Zeit und erst recht Vergnügen in Grenzen halten; dass sich alles das aufs Wochenende zusammenzieht und dass, kaum hat man sich etwas der Arbeit entwöhnt und ans andere Leben gewöhnt, auch schon der Montag wieder vor der Tür steht. Die Unternehmer stört genau das Umgekehrte: dass die Anwendung von Arbeit noch so viele Lücken aufweist. Also behandeln sie diese notwendigen Erholungstage wie ein den Arbeitern leihweise großzügig überlassenes Reservoir an abrufbarer Arbeitszeit und setzen bei guter Konjunktur oder im Interesse ununterbrochener Produktion statt mehr Arbeitern mehr die Arbeiter ein. Sie verfügen regelmäßig Sonderschichten oder richten gar die voll-kontinuierliche Schicht ein. Dann besteht für manchen die Arbeitswoche aus 6, 7 Arbeitstagen, die sie dann an einem überlangen Wochenende in größeren Abständen und an wechselnden Tagen ausgleichen dürfen. Auf der anderen Seite kommen einzelne Belegschaftsmitglieder, Abteilungen oder ganze Belegschaften für kürzere oder längere Zeit überhaupt nicht auf eine normale Wochenarbeitszeit und einen entsprechenden Normallohn, weil sich ihre Anwendung für volle 40 Stunden nicht lohnt. So fehlt dem Verhältnis von Arbeit, Freizeit und Lohn jede Festigkeit, weil für die Lohnarbeit nur zwei Regeln dauerhaft gelten: billig und jederzeit zur Stelle! Deswegen kostet Freizeit allemal Verdienst, und zusätzliches Geld wird mit Überarbeit bezahlt. Lohnarbeit besteht offenbar in dem schwierigen Beruf, zwei Existenznotwendigkeiten gerecht zu werden, die sich ausschließen. Auf der einen Seite ist die Ableistung von möglichst vielen Arbeitsstunden geboten, um den Lebensunterhalt für die Woche samt Bestreitung der Erholungspflichtlücken zu verdienen. Auf der anderen Seite nimmt jede Arbeitsstunde dem Leben ein Stück "Lebensqualität" - so dass die Lohnarbeiter ihre Lebensweise in beiden Angelegenheiten - Zeit und Geld - den Erfordernissen ihres Arbeitsplatzes anpassen. Denn keinem bleibt im Rückblick auf die vergangene und im Vorblick auf die neue Woche die Erfahrung erspart, dass die Recheneinheit ihres Lohnes - Geld per Arbeitsstunde - so bemessen ist, dass auf dem Lohnstreifen genau soviel steht, dass sein Fleiß und seine Sparsamkeit nicht erlahmen. Dagegen nützt den Lohnarbeitern weder ein Mehr an Lohn, bei dem die Arbeitszeit nicht gleich bleibt, noch eine Verkürzung der Arbeitszeit, bei der der Stundenlohn nicht erhöht wird. Genau dieser Mittel bedienen sich aber die Herren der Betriebe - alles streng im Rahmen der 40-Stunden-Woche. Monatliche Differenzen von einigen hundert Mark sind da keine Seltenheit und richten sich je nach dem Gebrauch, den die Unternehmer vom Arbeiter gemacht haben. Der hat nämlich monatlich seine Arbeit vorgeschossen und erhält nun das Ergebnis in Form der Lohnabrechnung präsentiert. Während sein freier Umgang mit dem Lohn jetzt erst beginnt, ist dieser Abrechnung ausgesprochen und unausgesprochen zu entnehmen, was für und wessen Erfolge zu diesem Zeitpunkt durch seine Arbeit gesichert worden sind und wofür er alles gearbeitet hat. Welche Werte er geschaffen hat, ist aus dem Zettel nicht zu entnehmen. Die sind längst anderweitig verbucht und gehen in deshalb nichts an. Wenn er ihnen begegnet, so in Gestalt von Warenpreisen, die die "Kaufkraft" seines Lohnes mindern. Die moderne Unterscheidung von "Nominal-" und "Reallohn" vermeldet die Gewöhnung daran, dass mit dem abgezählten Verdienst noch lange nicht über den "Lebensstandard" entschieden ist. Auch die Anstrengungen, die ihn das Arbeiten gekostet haben, finden in der Rechnung keinen Niederschlag. Dafür aber eine ganze Menge von Sonderzahlungen, die einen Gutteil des gewöhnlichen Lohnes ausmachen. Da steht schwarz auf weiß und ziemlich unüberschaubar, wie niedrig der reine Tariflohn ist und wie billig sich deshalb der Betrieb die freie Verfügung über die Arbeitszeit und die Sicherung eines profitlichen Arbeitsergebnisses einkaufen kann. Die garantierte Höchstleistung am Arbeitsplatz wird da ebenso mit ein paar Euro vergütet wie die anerkannt gesundheitsschädlichen Bedingungen des Arbeitsplatzes selbst. Zuschläge für Überstunden und Sonderschichten summieren sich da mit dem Bonus für Betriebszugehörigkeit und Betriebserfolg - lauter Posten, die für den Lohnempfänger eingegangene Verpflichtungen dokumentieren, für die andere Seite aber die Freiheit der Kalkulation. Um so deutlicher geht aus dem Lohnstreifen hervor, wessen Unterhalt durch die Lohnarbeit längst gesichert ist: der des Staates. Als Garant von Kapital und Lohnarbeit hat er sich seinen unbescheidenen Teil schon eingezogen. Er sorgt so dafür, dass einige hunderte als "Brutto"-Lohn verbuchte Euro erst gar nicht in die Hand des Arbeiters gelangen, also auch kein Lohn sind. Und das so gründlich, dass sich Mehrarbeit nie in entsprechendem Mehrverdienst niederschlägt, sondern vermehrt zum Erhalt der öffentlichen Gewalt beiträgt. Noch ehe die Herren Lohnempfänger die Freiheit auskosten, ihren Lohn auszugeben, haben sie durch ihre Arbeit nicht nur ihren Arbeitgeber, sondern auch die Ansprüche der öffentlichen Gewalt befriedigt. Und dieselben Instanzen bedienen sich erneut, wenn es ums Bezahlen geht. Kaum wird der Lohn ausgegeben, versilbert er den einen ihre Waren, füllt er die Kassen des Finanzamts an der Tankstelle und sonst wo, trägt er als Miete zur Verzinsung des Haus- und Grundbesitzes bei - nur eines leistet er nicht: ein angenehmes Leben für den Lohnabhängigen. Im Verlauf des Jahres wird dem Volk von der Wirtschaft und Staat offiziell zugestanden, dass es von den normalen Monatslöhnen keineswegs leben kann und dass umgekehrt im normalen Wechsel von Arbeits- und Freizeit die Arbeitskraft nicht wiederherzustellen ist. Im Interesse eines arbeitsfähigen und lebensfähigen Volkes wird für einen gewissen Ausgleich gesorgt. Obwohl es schon alle möglichen Feiertage gibt, hat man das Recht auf ein paar Wochen ganz ohne Arbeit, um sich für ein Jahr wieder aufzufrischen; eine Gunst, der ihr Zweck, die Pflege der Arbeitskraft, gleich gesetzlich mit auf den Weg gegeben ist. Zur Erholung ist man verpflichtet, auch zu Kuren im Urlaub, was vom sozialstaatlichen Interesse des Staates an der beständig gefährdeten Einsatzfähigkeit seiner Untertanen Zeugnis ablegt. Der Betrieb tut das Seine, die Kosten gering zu halten. Die spannende Frage, ob zum Jahreswechsel gearbeitet wird oder nicht, wird jährlich neu nach Konjunkturlage entschieden. Und die Klein- und Großbetriebe verteilen die Urlaubswünsche ihrer Mitarbeiter entweder produktionsgerecht aufs Jahr, was den Verbliebenen manchen Mehraufwand beschert. Oder sie verordnen eine jährliche Generalpause, die sie für Großreparaturen, Betriebsumbauten und sonstige Rationalisierungsvorhaben benutzen. So ersparen sie sich Produktionsausfälle, und für die Arbeiter folgt nicht selten der schönen Zeit des Nichtstuns die doppelt aufregende Zeit der Eingewöhnung an einen neuen Arbeitsplatz. Diese Errungenschaft unserer menschenfreundlichen Zivilisation dient also rundum der besseren Benutzung des Arbeitermaterials. Gleichwohl gilt die Tatsache, dass man, aufs ganze Jahr gesehen, wahrhaftig weniger als 12 Monate arbeitet, als ein einziger Luxus. Auch mit neuen Formen des unbezahlten Urlaubs tun Unternehmer ihren Belegschaften ungeheuer viel Gutes. Überstunden und Sonderschichten im Wechsel mit der Kurzarbeit - all das verdient keine lohnwirksame Berücksichtigung mehr, wenn die Arbeitszeit einfach auf das Jahr berechnet wird und sich zumindest ideell zur 40-Stunden-Woche auflöst. Überstunden werden ebenso zur Normalarbeitszeit wie Kurzarbeit zum unbezahlten, aber Urlaub. Und kranke Lohnarbeiter können ihr Geld verdienen, wenn sie gesund sind und arbeiten - außer für die Absolvierung rentabler Arbeitsstunden geht kein Pfennig mehr aus keiner Kasse. Die unverzichtbaren Extras wie Urlaub und die auf Weihnachten verlegten kleinen und größeren Anschaffungen und wechselseitigen Geschenke sind im Stundenlohn nicht vorgesehen. Urlaubs- und Weihnachtsgeld und andere Jahresprämien sind Zugeständnisse an die Notwendigkeit der Reproduktion des Lohnarbeiters. Die Form ihrer Auszahlung macht das auch deutlich: Sie haben die Form einer Gratisgabe des Betriebs, der die Arbeit mit dem normalen Lohn schon abgegolten hat. Deshalb muss man sich einen Anspruch auf solche Extravergütungen auch erst durch genügend lange Betriebszugehörigkeit erwerben, und umgekehrt kalkulieren die Unternehmer jährlich damit, wie viel ihnen der Erhalt "ihrer" Belegschaft über den tariflichen Lohn hinaus wert ist. Und auch damit, ob sie solche Zahlungen angesichts der gespannten Lage und der entspannten Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt überhaupt noch leisten müssen! Der Lohnarbeiter braucht einen Arbeitsplatz, nicht nur heute und morgen, sondern für sein ganzes Leben. Die Firmen brauchen aber nur so viele und so lange Arbeiter, wie sich Arbeitsplätze für sie auszahlen. Und sie brauchen solche Arbeitsplätze, an denen es keiner ein Leben lang aushält. Damit müssen Lohnabhängige fertig werden. Der Staat verpflichtet sie auf den Ernstfall, bei dessen Eintreten sie leben müssen, ohne arbeiten zu können. In einem Sozialstaat müssen Beschäftigte Vorsorge treffen - für die unvorhersehbaren und immer drohenden Folgen ihrer Beschäftigung: Krankheit, Invalidität, Erwerbslosigkeit, Alter. Das kostet sie einiges von ihrem Lohn. In jeder Lebensphase sorgt so das Bemühen, zu arbeiten, um zu leben, genau für das Umgekehrte: dass der Mensch nur dafür lebt, als Arbeitskraft be- und vernutzt zu werden. Ein normales Arbeitsleben beginnt mit dem Ausschluss von den karriereträchtigen höheren Wissenssphären. Deswegen geht es anschließend auf die Suche nach einer Lehrstelle, von der die Chance auf eine etwas höhere Lohngruppe abhängt und auf der vor allem Disziplin und Bescheidenheit gelernt wird. Natürlich gibt es Alternativen. Auch als Ungelernter kann man sich verdingen und damit weitergehende Ansprüche ablegen, wenn man nicht in der Bundeswehr eine soldatische Zukunft anpeilt. Ein Arbeitsplatz ist schon das größere Glück, auch wenn/weil er keineswegs sicher ist. Sicher ist dagegen, dass beim Arbeiten über kurz oder lang die Gesundheit ein unbezahlbares Gut wird. Auch wenn man die Arbeit aushält, ist der Fortschritt unaufhaltsam und beschert manche Rationalisierungsmaßnahme. Der Beruf des Lohnabhängigen heißt "Mobilität". Er muss sich an neue Arbeitsbedingungen und gesenkten Lohn gewöhnen. (Auch hier hat er wieder eine Alternative: das Arbeitsamt.) Je mehr Arbeitsjahre ins Land gehen, um so schwieriger wird die Ausschau nach einem besseren Betrieb. Sein Lohn vermehrt sich um Zuschläge für die Betriebszugehörigkeit, die Alternativangebote sind knapp, und er wird auch nicht jünger und belastbarer. All das fördert die "Anhänglichkeit" an den Betrieb, ohne den zu irgendetwas zu verpflichten. Mancher findet sich deshalb unverhofft in den Altersdauerarbeitslosenstand versetzt; mancher laboriert frühzeitig an Berufs- und anderen Krankheiten, wird als vermindert oder gar nicht mehr Arbeitsfähiger eingestuft und bezahlt. Jeder muss froh sein, wenn er die einzige große und unwiderrufliche Arbeitspause normal und überhaupt erreicht - das Rentnerdasein. Froh, auch wenn er letztmalig die negative Dialektik von Freizeit und Geld zu spüren bekommt. Genügend Zeit zum Leben ist erst dann vorgesehen, wenn sein Arbeitsvermögen nicht mehr den unternehmerischen Ansprüchen genügt und der durch viel Arbeit Gealterte sich andererseits einen Großteil der Bedürfnisse abgewöhnt hat, mit denen er einmal hoffnungsvoll ins Arbeitsleben eingetreten ist. Zugleich kommt zum letzten und endgültigen Mal der Grundsatz zur Anwendung, dass, wer nicht arbeitet, auch nichts verdient. Zwar muss man ein Leben lang für die "Alterssicherheit" bezahlen und sich in 40 und mehr Jahren Ansprüche auf ein Altersruhegeld erwerben. Aber der Staat, der, wenn es soweit ist, die ehemaligen Zahler als lästige Kosten ansieht, entscheidet, was einem im Alter noch an Geld zusteht. Er versteht es, das Altersruhegeld an den früheren Lohn und die Zahl der Arbeitsjahre zu binden, wo es seiner Sparsamkeit zuträglich ist. Andererseits weist er aus demselben Grund auf die Zahlungsschwäche der arbeitenden "Generation" hin, um an den Alten zu sparen. Zusätzlich beschäftigt er mit der Einschränkung von Zuverdienstmöglichkeiten und der Festlegung von Rentenhöchstgrenzen seine Auffassung, dass der Zwang zur "Vorsorge" auf der anderen Seite nicht zur "Überversorgung" werden darf. Bei denen, die es im Leben zu nichts gebracht haben, ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie auch im Alter nichts weiter vom Leben haben. Umgekehrt gilt es eine bemerkenswerte Leistung des Sozialstaates, dass sie überhaupt etwas zum Leben "kriegen". Ausbeutung existiert in diesem unserem Lande natürlich nicht, gottlob. Das merkt man schon daran, dass sie seit über 30 Jahren bereits "Marktwirtschaft" heißt, sogar mit einem "sozial" davor. Noch dazu wird sie von der Vertretung der westdeutschen Arbeiterklasse, der nationalen Einheitsgewerkschaft, sorgfältig mitverwaltet. In keiner Lebensphase und keinem Lebensbereich bewegt sich ein Arbeiter hierzulande außerhalb der rührenden Obhut seiner Gewerkschaft. Von der Lohngruppe bis zur Arbeitszeit, vom Stundenlohn bis zur Kündigung: alles hat sie mitbestimmt. Von einem Klassenstaat kann erst recht nicht die Rede sein. Das merkt man spätestens daran, dass hierzulande lauter Arbeiterführer in höhere Staatsämter aufsteigen. Sogar die christlich-liberale Regierung hat einen Metall-Gewerkschaftler zum Sozialminister gemacht, der seinen gewerkschaftlichen "Stallgeruch" hemmungslos vor sich herstinken lässt. In so einer neuen Heimat muss der Arbeiter sich doch einfach zu Hause fühlen! Und: Keine Gesetze, keine Vorschriften, keine Mantel- oder sonstigen Tarifverträge - und davon wird ein deutscher Arbeiter ja wahrhaftig von der Wiege bis zur Bahre umsorgt! -, die nicht von lauter Arbeiter- Vertretern unter ständiger Berufung auf ihn und in seinem Namen beraten, befürwortet, abgesegnet und erlassen worden wären. Gewiss, "Missstände" gibt es hier wie überall, denn der Mensch ist nun einmal unvollkommen. Es gibt sogar "Auswüchse": Der Innenminister fördert die falschen Filme; Männer verdienen bisweilen mehr als Frauen, die dieselbe Arbeit verrichten; gar mancher Jüngling geht nie durch die Schule einer gediegenen handwerklichen Ausbildung in Bierholen und Brötchenbacken; und vor allem: Regierung und Unternehmer achten viel zu wenig auf die konstruktiven wirtschafts- und arbeitsmarkt-politischen Beiträge ihrer Kollegen von der Gewerkschaft. Gott sei Dank haben der DGB und seine Einzelgewerkschaften aber auch diese letzten himmelschreienden Übel fest im Griff der Tarifautonomie, mit der sie alles und jedes mitverwalten und verantworten, solange und soweit man sie nur immer lässt. (Und wo man sie nicht lässt, fühlen sie sich erst recht zur Verantwortung aufgerufen.) Ein Kampf für Arbeiterinteressen ist also das Letzte, was unsere idyllische Republik brauchen kann. Das kann noch der letzte daran merken, dass die Alleinvertreter deutscher Arbeiterinteressen, die Leute mit dem "Beruf: Kollege" vom DGB, nur für eines kämpfen: den sozialen Frieden in unserem Lande.

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